12. September 2022 – Die Essenz des Kinderwunsches


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"Bei mir ist es Freiheit", teilt Monika mir strahlend mit, als ich den Raum betrete. "Das scheint absurd, oder? Aber es passt. Genau das ist es."
Sie wirkt wie erlöst und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück wie jemand, der nach harter Arbeit sein Ziel erreicht hat.

Und genau das hat sie auch. Monika ist eine Teilnehmerin des Workshops "OK-Frauen". und hat soeben in intensiver Zusammenarbeit mit einer anderen Teilnehmerin die Essenz ihres Kinderwunsches erarbeitet. (Die Essenz des Kinderwunsches? Was das ist, verrate ich am Ende des Textes.)

Nach dieser herausfordernden Arbeit gibt es erst mal Pause; die Stimmung beim Kaffee ist durchdrungen von der gelösten Zufriedenheit nach einer erschöpfenden, aber befriedigenden Tätigkeit.

Es war anstrengend und hat Überwindung gekostet, sich ganz darauf einzulassen. Zu Beginn neigt man zu der Überzeugung, bereits zu wissen, was die Essenz ist. Wer sich deswegen nicht wirklich einlässt, erlebt zwar nicht das Glücksgefühl, das Monika gerade erfüllt (dann gelingt es vermutlich später in einem Einzelcoaching), profitiert aber von anderen Aspekten des Workshops.

"Es tut so gut, mit lauter Frauen zusammen zu sein, die dieses Schicksal mit mir teilen", sagen Teilnehmerinnen immer wieder; "zu merken, dass ich nicht alleine bin damit. Ich habe mich schon lange nicht mehr so verstanden gefühlt."

Nebst der Suche nach der Essenz haben unter anderem Lösungsfindung für schwierige Situationen Platz, denen man als unfreiwillig Kinderlose immer wieder ausgesetzt ist. Und viel Erfahrungsaustausch.
Obwohl Gefühle sich zeigen dürfen und Tränen fliessen, ist die Stimmung positiv – das gemeinsame Ziel, trotz unerfüllten Kinderwunsches ein erfülltes Leben zu leben, verbindet und verleiht frischen Elan.

Natürlich ist nicht auf einen Schlag alles gut, wenn man die Essenz gefunden hat. Oft beginnt die Arbeit dann erst richtig. Doch im Unterschied zu vorher ist das Ziel bekannt.
Lange war Mutter werden das einzige Ziel. Je unerreichbarer dies wurde, desto sinnloser erschien das Leben.

Jetzt, wo Monika klar ist, dass sie sich insgeheim nach einer Freiheit gesehnt hat, die sich für sie erfüllt hätte, wenn sie Mutter geworden wäre, kann sie andere Möglichkeiten finden, mehr Freiheit in ihr Leben einzuladen.

"Klar habe ich objektiv gesehen als kinderlose Frau eigentlich mehr Freiheit als Mütter", weiss Monika. "Aber mir fällt gerade das ein oder andere ein, das ich mir selbst nicht erlaube. Unspektakuläre Dinge, die für Mütter zum ganz normalen Alltag gehören und die sie vermutlich nicht einmal besonders schätzen. Wahrscheinlich wird mir in der nächsten Zeit noch mehr bewusst werden, welche Freiheiten ich mir nehmen darf. Auch ohne Mutter zu sein." Die Erkenntis, dass es um Freiheit ging, war für sie das Puzzleteil, das ihr noch gefehlt hatte.

Nicht allen gelingt das so leicht alleine. Monika ist schon Anfang 50 und hat sich mit ihrer Kinderlosigkeit längst arrangiert. Da in letzter Zeit vermehrt wieder Trauer hochkam (die ersten Freundinnen wurden Oma), entschied sie sich, am OK-Frauen-Workshop teilzunehmen, auch wenn die meisten Teilnehmerinnen zwischen 30 und 40 sind.

Manchmal ist der Workshop für "OK-Frauen" ein Auftakt zur vertieften Auseinandersetzung mit sich selbst, z.B. in Form eines Coachings (ein werteorientiertes Coaching zielt darauf ab, den Wert im Leben zu vermehren, dessen Zu-kurz-kommen einen unzufrieden macht, so wie bei Monika die Freiheit).
Und manchmal ist er genau das, was es noch gebraucht hat, um die Kinderwunschzeit abzuschliessen und im Leben mit Freude voranschreiten zu können.

Die Essenz des Kinderwunsches:
Tief unter der Sehnsucht nach einem Kind verbirgt sich ein unerfülltes Bedürfnis, das meist viel älter ist als der Kinderwunsch. Es ist seine Essenz.
Wer ein Bild von sich als zukünftige Mutter in sich trägt, ist mit einer Orientierungslosigkeit oder Leere konfrontiert, wenn dies unerreichbar bleibt. Im Lauf der Jahre wurde die zukünftige Identität als Mutter unbewusst mit allerlei Qualitäten aufgeladen: Vieles, was zum wahren Glück noch fehlt, wird kommen, wenn man Familie hat, diese Verheissung finden wir in romantischen Büchern, Filmen und in den Köpfen vieler Menschen.

Vordergründig sieht man meist andere Gründe, warum ein Kind so wichtig für einen ist.
Erst wenn man sich darauf einlässt, dem Wunsch in seine Tiefe zu folgen, zeigt sich, was man sich von der Mutterschaft erhofft ohne sich dessen bewusst zu sein. Die unbewussten Anteile sind die wirksamsten Treiber.


Der nächste Workshop für "OK-Frauen" findet am 8. Oktober statt. Es hat jetzt noch freie Plätze.


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