12. November 2022 – Wie umgehen mit Triggermomenten? (für gewollt Kinderlose)


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Auch für gewollt Kinderlose scheint die Welt ein Minenfeld zu sein. Die pronatalistische Gesellschaft bietet pausenlos Gelegenheit, sich ausgegrenzt, benachteiligt oder nicht ernst genommen zu fühlen.
Dieser Text befasst sich mit den Herausforderungen, mit denen gewollt Kinderlose zu tun haben.

In Kinderlos-Gruppen auf sozialen Medien mit mehrheitlich gewollt Kinderlosen wimmelt es von aufgebrachten Posts über Eltern.
Da kann leicht der Eindruck entstehen, die selbst erklärt "glücklich kinderlosen" seien eher unzufrieden. Wo viel Wut ist, ist meist ein Gefühl von benachteiligt sein.

Woher kommt diese Wut gegenüber Menschen mit Kindern? Viele verstehen nicht, was gewollt Kinderlose für ein Problem haben und sehen in diesem Unmut den Beweis für die Asozialität Kinderloser oder für Meinung, ohne Kinder könne man kein erfülltes Leben haben.

"Du lebst doch das, was du gewählt hast, was beklagst du dich also?"
Ja, gewollte OK's können in Bezug auf Mutterschaft die Entscheidung leben, die sie gewählt haben.
Doch immer wieder erleben sie, dass sie darin nicht ernst genommen werden. Und ihre Wahl konfrontiert sie mit harrschen Vorurteilen. Wie wenig sie ernst genommen werden, bekommen Frauen z.B. ganz konkret zu spüren, wenn sie sich sterilisieren lassen möchten.

Keine Kinder zu bekommen ist nach wie vor ein unpopulärer Entscheid. Damit macht man sich unbeliebt oder zumindest verdächtig.
Zahllose Berichte zu übergriffigen Einmischungen bzgl. ihrer Lebensform bestätigen, dass gewollt Kinderlose auf wenig Verständnis stossen.

Da sind Aussagen drunter wie:
  • "Du bist ja noch jung, das kommt schon noch – hoffentlich ist es dann nicht zu spät."
  • "Du wirst deine Meinung schon noch ändern, wenn du den richtigen Mann kennenlernst."
  • "Eine Frau, die keine Kinder will, ist keine richtige Frau."
  • "Du magst also Kinder nicht."
  • "Und meine Kinder bezahlen dann deine Rente."
  • "Du erfüllst deine Pflicht als Frau nicht."
  • "Spätestens im Altersheim wirst du das bereuen."
  • "Wie egoistisch!"
  • "Ah, dir ist deine Karriere wichtiger ..."
Fast jede bewusst kinderfreie Frau hat sich schon ähnliche Dinge anhören müssen. Und dieser direkte Ausdruck von Missbilligung und Nichternstnehmen ist nur die Spitze des Eisberges. Viele Kleinigkeiten erinnern einen täglich daran, dass man ein nicht normatives Leben führt und irgendwie nicht dazugehört.

Wie also mit Momenten umgehen, im denen man sich missverstanden, ausgeschlossen und vielleicht sogar benachteiligt fühlt?
Mir hilft es, mir bewusst zu machen, wie bestimmte Haltungen gegenüber Kinderlosen zustande kommen. Dann sehe ich dahinter, kann Verständnis aufbringen und die unangebrachten Aussagen etwas relativieren.

Auch wenn Eltern immer wieder beteuern werden, dass ihre Kinder das Beste sind, was sie gemacht haben, so gibt es im Familienalltag viele Momente, in denen sie sich nach der unbeschwerten Zeit vor den Kindern sehnen – soo anstrengend haben sie sich das nicht vorgetellt.
Und dann fällt der Blick mit etwas Neid auf Kinderlose.

Die meisten sagen sich dann, dass sie ihren Weg selbst gewählt haben und all das Unbequeme halt auch dazugehört. Doch wer den Weg nicht ganz so bewusst gewählt hat, sondern vielleicht, weil es doch nun mal zum Leben dazu gehört oder weil man sich hat überreden lassen, empfindet Neid auf jene, die sich erlauben, diesen anderen Weg zu gehen.
Selbst war ihnen womöglich gar nicht bewusst, dass sie eine Wahl haben. Dann ist man natürlich entrüstet darüber, dass andere die Freiheit (empfunden als Frechheit) haben, sich das einfach so zu erlauben. Und man sagt sich, dass es widernatürlich ist oder zumindest negative Folgen haben muss. (Sonst hätte man das ja vielleicht auch wagen können.)

Kinderlose erscheinen dann wie Leute, die sich vor etwas drücken und der Boden ist bereit für verletzende und übergriffige Bemerkungen.
Andere wünschen sich schlichtweg, dass ihre Freundinnen mit ins Boot der Mütter kommen, weil sie die Mutterrolle gern mit der Freundin zusammen gelebt hätten. Und sie spüren, dass sich ihr Leben mit Kindern zwangsläufig so stark verändert, dass die Freundschaft darunter leidet.

Tatsache ist, dass bewusst Kinderlose sich ihre Entscheidung meist reiflich überlegt haben. Und selten gibt es ausschliesslich Gründe dagegen. Sich bewusst gegen eigene Kinder zu entscheiden, kann ein äusserst verantwortungsvoller Akt sein.
Die Entscheidung zeugt von Respekt vor der grossen Aufgabe, die Elternschaft bedeutet und Zweifel daran, diese auch nur annähernd so meistern zu können, wie man sich das im Idealfall vorstellt.

Wer diese Zweifel laut ausspricht, bekommt zu hören: "Da wächst man rein."
Erst tröpfchenweise dringen Berichte von Müttern an die Öffentlichkeit, dass das nicht immer gelingt.
"Regretting Motherhood" ist ein noch grösseres Tabu als offene Gespräche über kinderloses Leben.

Wer sich gegen Kinder und damit gegen einen populären Lebensweg entscheidet, ist bereit, die Konsequenzen zu tragen, die die Kinderlosigkeit mit sich bringt.

Immer wieder Manipulationsversuchen ausgesetzt zu sein, erschwert die Entscheidungsfindung. Die gefällte Entscheidung wird zuerst nicht ernst genommen und anschliessend verurteilt.

Dies ist vermutlich der Hintergrund für gehässige Posts in sozialen Medien und schadenfreudig bis hämische Bemerkungen über schwierige Momente im Elterndasein.

Leider scheinen derartige Äusserungen in den Augen vieler die gemeinen Vorurteile zu bestätigen: "Da sieht man's, die sind tatsächlich herzlos und hassen Kinder." Und natürlich führen sie zur Verhärtung der Fronten.

Wie aber sonst reagieren?
Wie wäre es mit Offenheit – statt ins Pingpong zu gehen und den Lebensentwurf der Gegenseite schlecht zu machen.
Offen zu sagen, was einen ärgert (also Ausgrenzung, Vorurteile, Bevormundung). Wer sich nicht durch Offenheit verletzlich machen möchte, kann Fragen stellen wie:
  • "Kann es sein, dass du mich nicht ernst nimmst?"
  • "Kann es sein, dass du besser zu wissen meinst, was für mich gut ist?"
  • "Kann es sein, dass du meine Entscheidung nicht respektierst?"
  • "Fühlst du dich durch meine Entscheidung benachteiligt?"
  • "Wie kam es denn, dass du dich für Kinder entschieden hast?"
  • Oder offensiv: "Jede Entscheidung hat Vor- und Nachteile. Ich bin bereit, die Nachteile meiner Entscheidung zu tragen. Deine Anschuldigungen lassen vermuten, dass du findest, ich sollte auch die Nachteile deiner Entscheidung mittragen." (Die Reaktion wird bestimmt sein, dass man ja auch die Vorteile mitgeniesst (Rente und so) – besser man hat dann auch ein paar echte Beispiele auf Lager, wo man die Nachteile bereits mitträgt.)
Achtung: Fragen leiten ein Gespräch ein – nur stellen, wenn du bereit dafür bist.

Was bewirkt deiner Erfahrung nach mehr gegenseitiges Verständnis und überwindet Gräben statt die Fronten zu verhärten?


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