29. Juni 2020 – Entspannt euch doch einfach mal!


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In der Nachbarschaft meiner Kindheit hatte ein Paar Kinder adoptiert, was eindeutig an deren dunklen Haut zu erkennen war. Ich hatte dabei immer die Vorstellung, dass das Paar in einem Drittweltland im Urlaub gewesen war und beim Anblick von hungernden Kindern auf der Strasse nicht anders konnte als sie mit nach Hause zu nehmen.

Als die Frau Jahre später auf einmal ein eigenes Kind zur Welt brachte, erfuhr ich jedoch, dass dies einem Wunder gleichkäme. Die beiden hatten sich für eine Adoption entschieden, nachdem beiden Unfruchtbarkeit diagnostiziert worden war.

Derartige Geschichten gibt es in verschiedenen Variationen.

Viele kennen mindestens ein Paar, das völlig unerwartet noch zu einem Kind kam, nachdem sie entweder jahrelang alles versucht oder sich damit arrangiert hatten, keine eigenen Kinder zu bekommen.

Wegen dieser Beispiele müssen unfreiwillig Kinderlose sich oft den Ratschlag anhören: "Entspannt euch doch einfach, dann klappt es bestimmt auf einmal von selbst!"

Für die Betroffenen ist das eine Ohrfeige. Besonders bei denen, die in medizinischer Behandlung sind. Es ist eine Illusion, man könne das locker nehmen und sich dem stets enger werdenden Fokus entziehen.
Die Behandlung fordert einer Frau nicht nur mehrmals täglich die Aufmerksamkeit ab und gibt ihr einen Rhythmus vor, dem sie sich unterwerfen muss, sondern sorgt auch für körperliche und psychische Veränderungen.
Versuch da mal zu vergessen, warum du das alles tust.

Die Aufforderung, sich einfach zu entspannen gleicht dem Anspruch an einen Gefesselten und Geknebelten, er soll doch einfach so tun, als sei er in Freiheit.
Einem Krebskranken, der an den Nebenwirkungen der Chemotherapie leidet, sagt auch niemand, er soll doch einfach so tun als wäre er gesund.
Der Vergleich einer Kinderwunschbehandlung mit einer Chemotherapie scheint vermessen. Doch die Berichte vieler Frauen, die Fruchtbarkeitsbehandlungen auf sich nehmen, erinnern mich von ihrer Belastung her tatsächlich daran.

In den letzten 3 Jahren habe ich in Workshops Frauen dabei begleitet, mit ihrer unfreiwilligen Kinderlosigkeit Frieden zu schliessen. Mir war immer klar, dass der Workshop nur ein erster Schritt in die Richtung sein kann.

Kürzlich habe ich bei den ehemaligen Teilnehmerinn nachgefragt, wie es ihnen jetzt geht. Viele berichteten, sie hätten nach dem Workshop tatsächlich Vertrauen darin gefasst, auch ohne Kinder zufrieden werden zu können.

Zu meiner grossen Überraschung sind drei dieser Frauen inzwischen Mutter geworden. Alle drei berichten, es sei ihnen nach dem Workshop leichter gefallen, das Schicksal anzunehmen wie es ist. Die beiden, die medizinische Behandlungen hinter sich hatten, entschieden, diese nicht fortzusetzen.
Bei der einen warf die unerwartete Schwangerschaft das Leben ziemlich über den Haufen, da sie es schon völlig anders eingerichtet hatte.

Ich staunte über diese 3 Fälle und zählte die ehemaligen Teilnehmerinnen, auf die folgende Kriterien zutrafen:
  • Sie leben in einer Partnerschaft mit einem Mann, der auch Kinder will.
  • Sie sind (vermutlich) noch nicht im Klimakterium.
  • Meines Wissens liegen keine medizinische Gründe vor, die eine Schwangerschaft zu 100% ausschliessen.
Ich kam auf 17 und fand: Dann sind 3 relativ viel!
Insbesondere, weil ich beim letzten Kriterium nur Vermutungen anstellen kann und daher tendenziell eher zu viele dazugezählt habe.

Stimmt es also doch, dass man nur loslassen muss und dann klappt es von selbst?

Selbst wenn das so wäre und die Rahmenbedingungen wären theoretisch gegeben, dann tu das mal:
Lass dein Ziel los, damit du es erreichst.
Sobald du versucht, etwas loszulassen, um es zu erreichen, lässt du nicht los.
Logisch, oder?

Doch es macht deutlich, wie hilfreich (ironisch gemeint) die Aussage von Frauenärztinnen ist, die gutgemeint sagen: "Nun müssen Sie langsam vorwärts machen, Sie haben nicht mehr viel Zeit."
Wichtig ist auch zu wissen, dass eine Kinderwunschbehandlung diese Haltung grundsätzlich ausschliesst.
Und auch Wunder haben ihre Grenzen: Bei einer Frau, die mit 29 mit einem frühzeitigen Klimakterium konfrontiert wurde, ist eine wundersame Schwangerschaft ebenso unmöglich wie bei einer, die eine Hysterektomie hinter sich hat oder wegen unerträglicher Endometrioseschmerzen eine Art Antibabypille nehmen muss.

Das sollten Bekannte von unfreiwillig Kinderlosen bedenken, wenn sie – ebenfalls gutgemeint – weiterhin darauf hoffen wollen, dass es auf einmal schon noch klappt.

Vielleicht kann diese Beobachtung jedoch Frauen Mut machen, die zwar aus dem zermürbenden Karussell der Behandlungen aussteigen möchten, denen dies aber wie ein Verrat am Kinderwunsch vorkommt.
Das Abbrechen der Behandlungen und das innerliche Abschiednehmen vom Kinderwunsch muss nicht immer zwingend das definitive Aus sein.

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