Geburtenrückgang aus einer anderen Sichtweise

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Sinkende Geburtenraten machten letzte Woche Schlagzeilen. Wieder einmal.

Die Gratiszeitung 20min titelte: "Sind Sprüche gegen Hausfrauen schuld oder tut der Staat zu wenig?"


Als gäbe es nur diese beiden Varianten und als wäre die Entwicklung auf jeden Fall etwas Besorgniserregendes, etwas, für das es Schuldige geben muss.

Man kann es auch anders sehen. Die menschliche Überbevölkerung ist für unseren Planeten kein Segen. Es gibt Menschen, die sich deswegen gegen eigene Kinder entscheiden.

Bis vor Kurzem wusste ich noch nichts von dem Phänomen, dass weiblich dominierte Gesellschaften wenig Bevölkerungswachstum generieren, während Gesellschaften, in denen Männer die Macht haben, stark wachsen.

Wenn Frauen tatsächlich die Wahl haben, wollen sie nicht so viele Kinder, denn sie sind die, die die Sache ausbaden.
Ein abnehmendes Bevölkerungswachstum bedeutet demnach, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es für Frauen stets besser aussieht. Wir entwickeln uns weg vom Patriarchat.

Das ist doch ein Grund zur Freude?
Wir begrüssen es, wenn sich die Geschlechterrollen aufzuweichen beginnen.

Die Männer stellt dies allerdings vor neue Herausforderungen.
Vater werden bedeutet heute nicht mehr nur einen Stammhalter zu zeugen, sondern geht einher mit Anteil haben und Verantwortung übernehmen.

Bei der Frage "Will ich das wirklich?", kommt manch einer zu einem Nein.
Frauen entscheiden nicht allein, ob sie Kinder bekommen oder nicht.
Sie haben Männer an ihrer Seite, die bei der Familiengründung zögern.

Wenn eine Frau mit Kinderwunsch sich aus diesem Grund trennt, hat sie keine Garantie, innerhalb ihrer fruchtbaren Zeit einen passenden und fortpflanzungswilligen Partner zu finden.

Im zunehmenden Bewusstsein darum, dass Mutterschaft nicht die einzige Glücksformel für eine Frau ist, entscheidet sie sich vielleicht dafür, in einer erfüllenden Liebesbeziehung zu bleiben statt diese für ein Ziel mit ungewissem Ausgang zu opfern.

Apropos Opfer: Der prozentuale Anteil von Kindern, die Opfer von elterlicher Gewalt werden, könnten als Folge der sinkenden Geburtenrate ebenfalls zurückgehen.

Denn immer weniger Leute setzen einfach gedankenlos Kinder in die Welt, mit denen sie später heillos überfordert sind.

Junge Menschen sind sich heute der grossen Aufgabe bewusst, die mit der Elternschaft auf sie wartet. Sie wollen es gut machen und dem Kind psychische Stabilität, finanzielle Sicherheit und genügend zeitliche Zuwendung bieten.

Ein Nein zu Elternschaft kommt oft nach bewusstem Abwägen zustande und kann Resultat einer wahrgenommenen Verantwortung sein.

Lauter positive Aspekte also.
Negativ sind die rückläufigen Geburtsraten in erster Linie für die Wirtschaft. Unsere Wirtschaft baut auf Wachstum auf, auch auf Bevölkerungswachstum. Der Nachwuchs soll uns die Zukunft sichern, unsere Renten zum Beispiel.

Bei der Forderung nach mehr Gebärfreudigkeit wird Kinderfreien zuweilen Egoismus vorgeworfen. Aber ist Kinderbekommen wirklich weniger egoistisch?

Wer eine Familie gründet, tut dies nicht aus Altruismus, sondern will eigene Kinder haben, erhofft sich davon Erfüllung und Lebenssinn, bedingungslose Liebe und Familienromantik.

Und als Gesellschaft instrumentalisieren wir die Kinder für unsere Zwecke, sie müssen geboren werden, um unser Rentensystem aufrecht zu erhalten.

Dass laut der neuesten Statistik auch der Prozentsatz der Menschen gesunken ist, die sich Kinder wünschen, ändert nichts an der Tatsache, dass viele unfreiwillig ohne Kinder bleiben.

Diese Menschen treffen die Egoismus-Vorwürfe genauso. Und das ändert sich erst, wenn wir aufhören, Menschen zu verurteilen, die sich bewusst dazu entscheiden, nicht Eltern zu werden. Und wenn der Lebensentwurf ohne Kind als gleichwertige Variante zu dem von Eltern angesehen wird. Und nicht als etwas, das eigentlich anders sein sollte.



Ich freue mich auf den Tag, wo statt alarmierend erfreut über Geburtenrückgang berichtet wird: "Hoffnung für den Planeten Erde: Wir sind auf dem besten Weg, die Überbevölkerung zu stoppen!"



Erstellt am: 18. November 2025

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