12. Mai 2019 – Gutes Geschäft mit dem schlechten Gewissen


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Vorbei ist er, der Tag, der vielen OK-Frauen ungute Gefühle beschert.
Vor allem jenen, die allzu gern Mutter wären und an diesem Tag jedes Mal schmerzhaft daraufhin gewiesen werden, dass sie es nicht sind. Und nicht nur heute, sondern schon Wochen davor, wenn Profit witternde Wirtschaftszweige dazu aufrufen, dies und jenes zu kaufen, um den Müttern eine Freude zu machen.

Und die unfreiwillige OK-Frau ertappt sich öfter mal beim Gedanken: "Die haben es doch schon so gut und sind Mütter geworden, und nun soll man sie auch noch dafür bejubeln!? Und ich bin immer noch nicht Mutter." Und schon im nächsten Moment stellt sich das schlechte Gewissen für diesen Gedanken ein.

Dass es auch längst nicht für alle Mütter ein Jubeltag ist, machte das Foto einer Zeichnung deutlich, das heute in den sozialen Medien die Runde machte. Oben stand: "Thinking of you", darunter 6 gezeichnete Blumensträusse und jeder war einer anderen Art "schwierige Beziehung zur Mutterschaft" gewidmet. Schöne Idee.

Im Gegensatz zum Valentinstag wollte es mir beim Muttertag bisher einfach nicht so recht gelingen, ihn schlicht und einfach als kommerziellen Anlass zu sehen und daher komplett zu ignorieren. Schliesslich lässt man an diesem Tag ja die Mütter hochleben, und jede von uns hat eine, der sie das Leben und meist noch viel mehr zu verdanken hat.

Und da ich eine Meisterin bin im schlechtes-Gewissen-haben, frage ich mich bei der Gelegenheit, ob ich meiner Mutter wirklich genug Wertschätzung entgegenbringe. Nicht zuletzt deshalb, weil ich dann eben doch nicht der Kommerzfalle erliege und meiner Mutter höchstens einen Brief schreibe oder ein paar Tage vorher mit ihr telefoniere.

Apropos Kommerz – der "Erfinderin" des Muttertages Anna Marie Jarvis war die Kommerzialisierung derart zuwider, dass sie alles tat, um den Tag wieder abzuschaffen. Sie kämpfte vergeblich dafür und nahm für ihre Aktionen sogar einen kurzen Gefängnisaufenthalt in Kauf. übrigens war Anna Marie Jarvis eine OK-Frau.

Und dann gibt es noch den unschönsten Teil der Geschichte, als die Nazis sich der Idee bedienten und kinderreiche Mütter, die den Fortbestand der arischen Rasse sicherten, mit dem Mutterkreuz ehrten. Am Muttertag natürlich.

In der Schweiz riefen Ende 1920-er-Jahre ethisch engagierte Personen des öffentlichen Lebens zum flächendeckenden Feiern dieses Tages auf und verhalfen ihm 1930 zu seinem Durchbruch. Doch im Hintergrund hatten die Verbände der Floristen und Konditoren die Fäden gesponnen. Äusserst clever, oder?

Wie wärs, wenn wir angesicht dieser Tatsachen diesen Tag in Zukunft alle komplett ignorieren und stattdessen unsere Mütter die Wertschätzung, die wir ihnen gegenüber empfinden, bei alltäglichen Gelegenheiten das ganze Jahr hindurch spüren lassen?


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